14.06.2008

Mobile Vision Kongress 08: Wer verdient künftig am Mobilfunkkunden?

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Mobile Vision Kongress 08: Wer verdient künftig am Mobilfunkkunden?Die unter neuem Namen firmierende Nachfolgeveranstaltung der Mobile Computing Konferenz in neuen Räumen am Tegernsee hat bereits einen Vorgeschmack auf die Erweiterung des Themenspektrums gegeben, das den Besuchern 2009 bevorsteht. Die Umwälzungen, die der Mobilfunkmarkt durch Discount-Tarife, Flatrates und nicht zuletzt die Entwicklung des mobilen Internets derzeit mitmacht, machen es auch aus Sicht der Veranstalter notwendig, dem weiten Feld des Mobile Content neben der Technik und den Endgeräteherstellern eine eigene Arena zu gewähren. Die Auswirkungen dieser Veränderungen auf die heutigen Player im Mobilfunkmarkt standen denn auch bei den Vorträgen im Mittelpunkt. UMTS-Report.de-Redakteur Tobias Haunstetter  fasst sie zusammen.

Gröger: Telcos werden integrierte Anbieter

Rudolf Gröger, ehemals Chef von O2 Germany und heute Präsident des DVB-H-Konsortiums Mobile 3.0, wies gleich zu Beginn der Tagung auf das Dilemma der Mobilfunkanbieter hin, die zwar in den Netzausbau investieren, sich aber gleichzeitig durch sinkende Minutenpreise und Terminierungsentgelte auf weitere Umsatzrückgänge einstellen müssten. Um diese Abwärtsbewegung aufzuhalten, empfiehlt Gröger Mobilfunkanbietern, Content unter ihrem eigenem Markennamen anzubieten. Der Schlüssel liege in Kundenbindungsmaßnahmen. Sobald ein Kunde seinem Anbieter vertraut und sämtliche Telekommunikationsdienstleistungen dort bezieht, sei es möglich, auch Dienste zu vermarkten, die bis dato noch unbekannt seien. Zwar räumte Gröger ein, dass die Vermarktung von mobilem Content im Rahmen des Web 2.0 kaum Umsatzrückgänge aus dem Geschäft mit Sprachminuten kompensieren kann. "Aber auch für die SMS hat es keinen Business Case gegeben", macht Gröger den Mobilfunkanbietern Hoffnung.

Gutberlet: Wie sich die Netzbetreiber die Butter vom Brot nehmen lassen

Indes zeichnete Martin Gutberlet, Vice President Research bei Gartner, vom Mobilfunkmarkt des Jahres 2012 ein anderes Bild. Seiner Ansicht nach werden Mobilfunkanbieter zu "Bitpipes" degradiert werden, da sie bei der Schaffung von Kooperationen mit Content-Anbietern zu zögerlich seien. Gutberlet erwartet daher andere Unternehmen, z. B. Webunternehmen wie Google oder Endgerätehersteller wie Nokia, in vier Jahren an der Spitze der Entwicklung im Mobilfunkmarkt. Mit dem Betriebssystem Android mache Google den etablierten Playern vor, wie eine Plattform so geöffnet wird, dass neue erfolgreiche Anwendungen entstehen könnten. Zwar ging Google bei der jüngsten Versteigerung von Mobilfunklizenzen in den USA leer aus, doch mittelfristig erwartet Gutberlet, dass der Internet-Konzern auch als Mobilfunknetzbetreiber auftreten wird.

Grundsätzlich hält Gutberlet für die etablierten Mobilfunknetzbetreiber eine Zukunft als "Bitpipes" (d. h. als bloße Infrastrukturanbieter) für sehr wahrscheinlich. "Die MNOs haben die schwächste Position in der Wertschöpfungskette", findet Gutberlet, und da sie Geschäftskunden keine Dienstqualität garantieren können, sei eine Differenzierung nur noch über den Preis möglich. Auf Unternehmensseite verortet Gutberlet dagegen Nachholbedarf bei der vertikalen Integration über mobile Endgeräte. Beispielsweise würden die Möglichkeiten, Informationen für alle mobilen Mitarbeiter on demand bereitzustellen oder mobile Endgeräte für eine unbürokratischere Reisekostenabwicklung einzusetzen, viel zu selten erkannt. Ferner werde die Bedeutung der Endgeräte für die Mitarbeiter oftmals unterschätzt. Einerseits sei es "absurd", allen Benutzergruppen in einem Unternehmen die gleiche Kommunikationsplattform aufzuzwingen, andererseits gebe es einen Trend dazu, dass die Endgeräte den Mitarbeitern selbst gehörten und sie daher Funktionen erwarten, die sie auf ihren privaten Geräten bereits nutzen. Und dabei könnte Einiges zusammenkommen: Obwohl sich Apples iPhone mit weniger als 100.000 Exemplaren in Deutschland bisher eher schlecht verkauft hat, gehöre die Smartphone-Verbreitung hierzulande zu den höchsten weltweit. Gutberlet hält insbesondere Statusmeldungen für eine viel versprechende Funktion, die durch eine bessere Einschätzung der Antwortzeit des Gesprächspartners zu mehr Produktivität auf beiden Seiten führen soll.

LTE soll mobiles Internet auf dem Weg zur 3G-Killerapplikation unterstützen

Top-Thema auf der Technikseite ist die bevorstehende Implementierung des HSxPA-Nachfolgestandards LTE. Mit dieser Mobilfunktechnologie sollen unter Idealbedingungen bis zu 278 Mbit/s im Downlink und bis zu 85 Mbit/s im Uplink erreicht werden können. Vor allem aber erwartet Siegmund Redl, Deutschland-Chef des Chipherstellers Qualcomm, eine wesentliche Verbesserung bei den Latenzzeiten, wodurch gerade die Übertragung grafisch anspruchsvoller Webseiten deutlich beschleunigt werden soll. Da laut Redl das mobile Internet mit all seinen Möglichkeiten dabei ist, die 3G-"Killerapplikation" zu werden, soll dieses Thema in den nächsten fünf Jahren weiter ganz oben auf Qualcomms Agenda stehen. Um die Abwärtskompatibilität von LTE mit heutigen Standards und abbruchfreie Verbindungen beim Wechsel zwischen LTE-versorgten und nicht mit LTE versorgten Gebieten sicherzustellen, führe Qualcomm derzeit umfangreiche Tests durch, berichtete Redl. T-Mobiles Technik-Chef Günther Ottendorfer bekräftigte, sein Unternehmen wolle ab 2010 ein "komplett neues Netz" auf Basis des LTE-Standards aufbauen. Diese Aussage war bereits im Vorfeld von Martin Gutberlet als "ambitioniert" bezeichnet worden, da es noch keine verabschiedeten Spezifikationen der GSMA zu LTE gebe.

Außerdem stellte Redl einen Dual-Core-Prozessor für mobile Endgeräte vor: Der "Snap Dragon Chip" soll eine Taktfrequenz von 1 GHz erreichen und durch ein eingebautes Grafikmodul 3D-Animationen unterstützen. Die Markteinführung dieses Prozessors ist für das zweite Halbjahr 2008 geplant.

Bieler: Offene Standards im Trend

Wurde bereits zuvor davon gesprochen, dass etablierte Mobilfunkanbieter es nicht verstünden, Kooperationen mit Content-Anbietern einzugehen, so stellte Dan Bieler vom Beratungsunternehmen IDC Ähnliches für den Bereich mobiler Geschäftsprozesse fest. Hier hätten Systemintegratoren die Nase vorn, da sie wie ihre Kunden weniger in Technologien als in Geschäftsprozessen denken. Große Anbieter von ERP-Software wie SAP und Oracle würden allmählich die Vorteile mobiler Endgeräte zur Bereitstellung aktueller Informationen in Echtzeit erkennen. Die Integration von nutzergeneriertem Inhalt werde nach Bielers Ansicht die Koordination von mobilen Teammitgliedern weiter erleichtern. Auch im Bereich CRM steige die Bedeutung der vollständigen Einbindung mobiler Arbeitsplätze in die unternehmenseigene IT-Landschaft. Insbesondere steige die Nachfrage nach offenen Lösungen, so Bieler. Da sich nicht jede mobile Anwendung rechne, müsse im Vorfeld großer Wert auf eine ehrliche Analyse gelegt und Komplexität vermieden werden.

An de Meulen: Wachstum in der Nische

Helmut an de Meulen, Geschäftsführer der vistream-Mutter Materna, stellte das MVNE-Konzept seines Unternehmens vor und erklärte, wie es in einem durch rückläufige Umsätze gekennzeichneten Marktumfeld durch Nischen-Geschäftsmodelle von Partnern weiter wachsen will. An de Meulen erwähnte das Konzept des Discounters solomo, der mit der WLAN-Community FON kooperiert, sodass solomo-Kunden an FON-Hotspots weltweit zum Inlandstarif telefonieren können. Weitere Geschäftsmodelle beinhalten über Callback realisierte Sondertarife für Auslandsanrufe und Roaming, Paketangebote branchenfremder Unternehmen wie z. B. von Energieversorgern und Tarife mit Gutschriften für Kundenkarteninhaber. Weiteres Abonnentenwachstum kann sich an de Meulen in erster Linie durch Kommunikation zwischen Maschinen vorstellen. In den nächsten beiden Jahren soll sich vistream als so genannter "Value MVNO" neben den Discountern etablieren. Ferner ist laut an de Meulen die Expansion nach Spanien, Italien, Polen, in die Türkei und auf die arabische Halbinsel geplant.

Hansen: Datenflatrate soll bei Simyo bald kommen

Simyo-Gründer Rolf Hansen sah sich in Rottach-Egern aufgefordert, Vorbehalten gegenüber Mobilfunk-Discount zu begegnen. Sein E-Plus-Discounter, der nunmehr vollständig der deutschen KPN-Tochter gehört, spreche kostenbewusste, aber zahlungskräftige internetaffine Kunden an. 65% der Simyo-Neukunden seien frühere Vertragskunden, der Simyo-Slogan sei der bekannteste nach dem von O2. Außerdem könne der Discounter durch konkurrenzfähigen Service sowohl online als auch an der Hotline punkten. So berichtete Hansen von einer Studie, wonach 80 Prozent der Kundenanrufe in 20 Sekunden beantwortet würden. Simyo-Kunden würden das Unternehmen besonders häufig weiterempfehlen und zu über 75% ihre Simyo-Karte als erste SIM benutzen. Nachdem seit der Senkung des Datentarifs die Nutzung so stark zugenommen hat, dass auch simyos Erlöse aus der Datenübertragung stiegen, ging der Discounter Kooperationen mit Webunternehmen und Diensteanbietern ein. Weitere Kooperationsmodelle würden nach Hansens Angaben derzeit von 1.500 Beta-Testern genutzt. In fünf Jahren will Hansen die Geschäftsfelder Mobile Commerce und Web 2.0 ausgebaut haben und geht aufgrund von bestehenden Kundenprofilen von einer komfortablen Nutzung von Webangeboten wie z. B. Communitys aus.

Nach den bisherigen Preissenkungen bei Sprachminuten und SMS sieht Hansen jedoch das Ende der Abwärtsspirale erreicht. In Österreich habe man die Erfahrung gemacht, dass Preise unter 9 Cent pro Minute unwirtschaftlich sind, so Hansen. Für die nähere Zukunft sei jedoch eine Datenflatrate zu erwarten, um das Portfolio analog zur Sprach-Flatrate ins Festnetz zu ergänzen. Ein Baukastensystem wie beim Telekom-Discounter Congstar strebe Simyo allerdings nicht an. Hansen deutete zudem gegenüber UMTS-Report.de an, dass Simyo seinen Kunden im Rahmen einer Kooperation von KPN, Hutchison und weiteren kleineren Mobilfunkanbietern in Europa künftig den mobilen Internetzugang auch im Ausland ermöglichen könnte. Einen Termin dafür gebe es noch nicht, da erst Verhandlungen mit E-Plus anstünden.

Gerpott: "Umsätze schrumpfen auf hohem Niveau"

Der Telekommunikationsexperte Prof. Dr. Gerpott resümierte, dass trotz der stetig wachsenden Anzahl von SIM-Karten im Umlauf der Umsatz der Mobilfunkanbieter im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent zurückging. Im derzeitigen Marktumfeld sei es nicht möglich, mit Datenumsätzen dagegenzuhalten, da diese durch den Preisverfall ebenfalls rückläufig seien. Die von Rolf Hansen zuvor genannten Zahlen von Simyo bildeten eher die Ausnahme. Dennoch gehört Deutschland nach Gerpotts Angaben zur Spitzengruppe in Europa, was den Datenanteil am Umsatz pro Nutzer anbelangt. Die Gewinnung von Neukunden gestalte sich durch die Marktsättigung gerade für junge Unternehmen wie Materna und Moconta (Bild Mobil) schwierig.

Im Bereich der betrieblichen Nutzung mobiler Lösungen treffe man derzeit vor allem eine Verlängerung bestehender Geschäftsprozesse an. Hier sei es nötig, das Potenzial mobiler Lösungen durch deren Einbindung in neu gestaltete Geschäftsprozesse und schließlich neue Produkte besser auszuschöpfen. Mobile Lösungen würden sich allerdings nur dann rechtfertigen lassen, wenn sie einen echten Mehrwert bieten, etwa durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit aktueller Informationen oder durch Zeit-, Kosten- und Bequemlichkeitsvorteile. Ferner zeigte sich Gerpott skeptisch, ob Content-Angebote wie das so genannte "Handy-TV" die Umsatzrückgänge aus der Sprachtelefonie wettmachen könnten. Allerdings relativierte Gerpott: "Wer wie Vodafone eine EBITDA-Marge von 40% ausweisen kann, hat keinen Grund zur Klage." Auch für den Highspeed-Standard LTE fehlten derzeit Anwendungen und Preismodelle.

Tobias Haustetter, UMTS-Report.de

(BR)
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